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Stadt Arbon

Die «billige» Schwabenleinwand

Krieg, einwandernde Unternehmer, abweisende St. Galler und Arbon als Alternative: Die Bürgergemeinde als Besitzerin ehemaliger Leinwandhandelshäuser hat das Amtshaus «Schwalbe» einer Aussenrenovation unterzogen. Was war hier früher?

Verschiedene Amtsbüros waren bereits vor zwei Jahren renoviert worden. Ein weiterer Mosaikstein in der historischen Arboner Altstadt ist gesetzt. Wer sind die Leute, die in den markanten Barockhäusern an der Wallhallastrasse 2 und 4 während drei Jahrhunderten gelebt und geschafft haben? Welche Betriebe wirkten unter ihrem Dach? Ein geschichtlicher Rückblick gibt einige Antworten.

St.Galler weigern sich

1692: In der Folge des pfälzischen Erbfolgekrieges zwischen dem Sonnenkönig Ludwig XIV. und der Allianz süddeutscher Königs- und Fürstenhäuser verlieren die Allgäuer Leinwandhandelshäuser ihre Exportrechte nach Frankreich, dem Hauptabnehmerland für Leinwandprodukte. Einige Unternehmerfamilien ziehen in unser Land, wo die Handelsbeziehungen mit Frankreich nach wie vor intakt sind. Die St. Galler Zünfte verweigern ihnen die Niederlassung, sie wollen nichts von der «billigen Schwabenleinwand» wissen. In Arbon sind die Herrschaften willkommen. Ihre preisgünstigen Produkte werden zum gewinnbringenden Exportschlager, und das ganze 18. Jahrhundert bringt erstmals seit langem wirtschaftlichen Aufschwung in die Bodenseestadt.

Barock-Bauten

Nach bewilligtem Gesuch, «allhier ein aigenes commercium zu stabilieren», gründet Jakob von Furthenbach aus Leutkirch mit Johann Albrecht aus Isny auf dem heutigen Lindenhofareal ein Handelshaus. 1705 trennen sich die beiden. Der Betrieb mit Färberei, Mange und Spedition auf dem heutigen Lindenhofareal wird Furthenbach bald zu eng. 1714 baut er die «Schwalbe», 1732 die «Straussfeder». Seine ebenso erfolgreichen Zunftkollegen Scheidlin, von Eberz, Fingerlin, de Albertis und der Arboner Mayr vergrössern gleichzeitig ihre Betriebe. Ihre prächtigen Barockhäuser sind heute sehenswerte Objekte auf einem Altstadtrundgang. Über Generationen beteiligen sich die Unternehmer mit grosszügigen Spenden an Projekten von Gemeinde, Kirche und Schule.

Die Baumwolle kommt

Gegen 1800 ist die Glanzzeit der Leinwandhändler vorbei. Die Wirren der französischen Revolution lassen den Markt in Frankreich zusammenbrechen, und aus England überschwemmen begehrte und billige Baumwollprodukte den Kontinent. Die Familie Furthenbach gerät in finanzielle Schwierigkeiten, ihr Unternehmen wird liquidiert. Die beiden Gebäude, die «Schwalbe» und auch die «Straussfeder», wechseln nun mehrmals ihre Besitzer. Namen wie Johann Ulrich Sauter (alt Ochsenwirt), Johann Vogt und die evangelische Bürgergemeinde tauchen auf. Vogt betreibt eine Knopfmacherei.

Armenhaus

Später beherbergt die»Schwalbe» das evangelische Armenhaus und gleichzeitig eine Zündholzfabrik. Die «Straussfeder» gehört 1789 vorübergehend der Stadt Arbon. Das neue Rathaus soll dort eingerichtet werden, ein Vorhaben, das sich als zu ehrgeizig erweist. Ein Jahr später ersteigert Johann Melchior Mayr (Stadtschreiber/Finanzverwalter) die Liegenschaft, 1835 wird eine Apotheke eingerichtet. Hauptmann Turnheer aus Weinfelden, Carl von Welz aus Waldsee (Württemberg), Camill Neef aus Laufenburg und Dr. C. Schindling aus Nürnberg führen in der Folge die Apotheke. 1883 und 1884 werden Franz Saurer & Söhne neue Besitzer der beiden Häuser. Das aufstrebende Industrieunternehmen richtet zahlreiche Arbeiterwohnungen ein. 1922 entsteht der verbindende Zwischenbau. Während der kommenden Jahrzehnte dienen «Schwalbe» und «Straussfeder» als Sitz der Verwaltungsbüros der Aktiengesellschaft Adolph Saurer.

Glücksfall

Der Erwerb beider Häuser, im Jahr 1987 durch die Bürgergemeinde, erweist sich als Glücksfall für Arbon. Umfassende Innen- und Aussenrenovationen ermöglichen neue, sinnvolle Nutzungen (Kreisämter, Büros der Stadtverwaltung, Stadtbibliothek, Stadtarchiv. Nach der turbulenten Geschichte während nahezu drei Jahrhunderten ist auch in Zukunft für lebhaften Betrieb in den ehemaligen Herrschaftshäusern gesorgt.

Quellen: Museum Arbon

St.Galler Leinwand

In St. Gallen wurde Flachs bereits im 9. Jahrundert angebaut und verarbeitet, eine der Kulturleistungen, welche es den Mönchen des Gallusklosters verdankt. Bereits im 13. Jahrhundert wird sowohl von der Leinwandherstellung als auch vom Leinwandhandel berichtet, welcher zur Gründung grosser Handelsgenossenschaften führte. Lange lag die St. Galler Leinwand noch im Schatten von Konstanz, der bedeutenderen Produktionsstadt. Diese erlebte nach den Auseinandersetzungen zwischen Patriziat und Zünften (1430) aber einen Niedergang. Dafür stieg nun St. Gallen dank eines rigorosen «Qualitätsmanagements» (obligatorische Kontrolle) zur führenden Leinwandstadt auf. Der Ursprungsstempel St. Gallen wurde zum begehrten «Label». (er)

Hans Geisser, Quelle: Tagblatt Archiv, 20. Dezember 2002

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