Der «Stahel» verschwindet
Nach mehr als 100 Jahren wird das geschichtsträchtige Wirtshaus heute abgebrochen. Seit längerer Zeit schlummert der ehemals bekannte Gastwirtschaftsbetrieb «zum Stahel» unbenützt vor sich hin. Mit dem Abbruch heute Dienstag sind seine Stunden gezählt. Ein Haus und seine Geschichte.
Die turbulenten Jahre der Industrialisierung vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert prägen Ortsbild und Gesellschaft unserer Stadt bis zum heutigen Tag. In wenigen Jahrzehnten wächst die Bevölkerung um das Zehnfache auf knapp 10 000 Einwohner. Fast die Hälfte davon sind ausländische Arbeitskräfte, Fachleute in den Maschinenfabriken aus Deutschland, Stickerinnen und Bauhandwerker aus Italien. Arbon ist die mit Abstand grösste Stadt im Thurgau.
Arbon wächst westwärts
Als eines der ersten Häuser westlich der 1869 eröffneten Bahnlinie Rorschach-Romanshorn baut Georg Züllig 1887 das stattliche Wohnhaus mit Wirtschaft. Das benachbarte «Landhaus» (heute Hochhaus) und der «Freihof» (Café Plaza) sind bereits früher auf dem Stadtplan von 1884 vermerkt. Ein Jahr später verkauft Züllig die Liegenschaft an Albert Stahel. 1899 erweitert Stahel den Betrieb mit dem eingeschossigen Saal.
Beliebter Treffpunkt
Dank der allseits beliebten Wirtsleute wird das gastfreundliche Haus, Stammlokal des Turnvereins und Männerchors, bald zum beliebten Treffpunkt aller Bevölkerungskreise und zahlreicher Vereine. Mit dem Umzug seiner Kupferschmiede aus der Altstadt in neue Werkstätten auf dem angrenzenden Grundstück zwischen Romanshornerstrasse und Brunnenwiese legt Franz Josef Forster 1902 das Fundament zur späteren Hermann Forster AG. Der von ihm 1908 erstellte «Breitehof» (Romanshornerstrasse 4), ein Jugendstilbau des bekannten St. Galler Architekten Wendelin Heene, dient bis heute als Konzernsitz der AFG Arbonia-Forster-Holding AG. Um 1930 übernimmt Albert Stahel junior das väterliche Geschäft. Als gelernter Metzgermeister baut er die nötigen Betriebsräume für eine Metzgerei. Die mittlerweile zehn Metzgereien widerspiegeln das Wachstum der Industriestadt. Im Berufskollegen Jean Koenig findet Stahel 1947 einen Käufer und tüchtigen Nachfolger. Schliesslich wird 1960 die Hermann Forster AG neue Eigentümerin. Der Anbau einer leistungsfähigen Küche ermöglicht den Betrieb im Saal als Personalrestaurant.
Restaurant in Metzgerei
Die Metzgerei wird stillgelegt, das Ladenlokal in ein heimeliges Gourmetstübli umgewandelt. Die beiden Obergeschosse dienen als Büroräume. Schlachthaus und Wursterei müssen Jahre später Parkplätzen weichen. Einige Restaurantpächter geben sich kurzfristig die Klinke in die Hand, bis im «Stahel» mit den Wirtefamilien Giger (1969-1984), Stumpf und Helfenberger der gute Ruf ins Haus zurückkehrt. Für Jakob Züllig, den 1999 verstorbenen Gründer der AFG, ist der «Stahel» eine geeignete Stätte, Freunde, Kunden und Gäste zu empfangen. Und am Stammtisch wird während Jahrzehnten manche ortspolitische Weiche gestellt. Das solide Wachstum der AFG ruft nach neuen Fertigungsstätten und Büros. Die Mehrzahl der Arbeitsplätze ist mittlerweile im Hasenwinkel und Winzelnwies, im Westen Arbons an der Hauptstrasse nach Romanshorn. Der Weg zum Personalrestaurant wird manchem zu weit. Die Firmenleitung bietet günstige Verpflegungsmöglichkeiten in umliegenden Wirtschaften an. 2002 hat der «Stahel» endgültig ausgedient; auch die alten Büroräume werden nicht mehr benötigt.
Stichwort
Gutes Omen
Die AFG Arbonia-Forster-Gruppe ist in den vergangenen Monaten um das Dreifache gewachsen. Mit Edgar Oehler als Mehrheitsaktionär steht wie zu Jakob Zülligs Zeiten wieder ein Unternehmer am Ruder - ein gutes Omen für die Stadt Arbon. Das frei werdende Grundstück am Stahelplatz dürfte in zukünftige Planungsüberlegungen der Arboner Firmengruppe einbezogen werden. (hg)
Hans Geisser, Quelle: Tagblatt Archiv, 24. August 2004
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