Turm diente als Hochkamin
Vom Metallpresswerk Schädler zum Arboner Dienstleistungszentrum. Beim Turm der ehemaligen Schädlerfabrik - hoch oben ist seit einem Jahr ein Café mit atemberaubendem Ausblick - sind Baumaschinen aufgefahren. Direkt an Arbons Stadtmauer entsteht ein modernes Bürogebäude.
Nachdem der innovative Bauherr, Architekt Werner Künzler, bereits den Kopfbau mit den Arkaden und dem markanten Turm restauriert hat, wird das ehemalige Fabrikareal bald als bauliche Einheit den westlichen Rand der Altstadt prägen. Werner Künzlers Engagement sorgt dafür, dass Arbons eigenwilligstes Industriedenkmal für weitere Generationen mit neuer Zweckbestimmung erhalten bleibt. Ein Rückblick in die Bau- und Unternehmensgeschichte offenbart ein spannendes Kapitel der industriellen Entwicklung der Stadt Arbon.
Saurer-Zulieferer
1910 zügeln die Brüder Friedrich August und Ernst Schädler den väterlichen Betrieb für sanitäre Installationen und Bauspenglerei aus der Altstadt in die neue Werkstatt an der Walhallastrasse, ausserhalb der Reste der Stadtmauer. Mit dem Aushubmaterial für den Bahneinschnitt wurde bereits 1869 der mittelalterliche Stadtgraben vom Seeufer bis zur Promenadenstrasse aufgefüllt. Friedrich August führt das Geschäft ab 1916 als Alleinverantwortlicher.Im nun Presswerk F. A. Schädler genannten Unternehmen stellt er gestanzte und gepresste Metallteile für Saurer Stickmaschinen, Lastwagenräder, Längs- und Querträger für deren Chassis, später Stahlblechkarretten, Metall-Büromöbel und Schränke usw her. Die zwei notwendigen mächtigen Pressen und Glühöfen erfordern eine weitere Fabrikhalle. 1922 bis 1927 entstehen der Kopfbau an der Hauptstrasse und der Turm. Friedrich Schädler ist dabei weitgehend selber Architekt und Baumeister, sein ältester Sohn Walter, Architekturstudent, zeichnet die Pläne, Ingenieur Alfred Schmitt vom Büro Brunner St. Gallen ist für die Statik verantwortlich, die eigenen Fabrikarbeiter werden vorübergehend zu Bauhandwerkern.
Die ersten Arkaden
Der Arboner Architekt Dürscher entwirft später einen treppengiebelförmigen Aufbau auf dem Kopfbau, der jedoch nicht zur Ausführung gelangt. Der Bauherr legt Wert auf eine historisierende Architektur. Angeregt von den Lauben der Berner Altstadt erstellt er die ersten Arkaden in Arbon. Beim Stadthaus sowie an weiteren Häusern an der Hauptstrasse werden später weitere Arkaden eingebaut. Dass 1938 im Kappeli - für die Verbreiterung der Hauptstrasse - Bögen herausgebrochen werden, ist heute schwer verständlich.Neuartig sind auch die Blechschalungen für die Beton-Konstruktion. Dank der sauberen und glatten Betonflächen kann auf einen Verputz verzichtet werden. Der markante Turm dient als Hochkamin für die beiden Glühöfen und die Heizanlage. Der zuoberst eingebaute Behälter ermöglicht die gleichmässige Druckverteilung des Wassers auf die hydraulischen Pressen und dessen sparsame Wiederverwendung. Für die geplanten späteren Aufbauten hätte man zudem einen Lift installieren können.
Gemeinde übernimmt Fabrik
Just am 14. April 1927, dem 50. Geburtstag Friedrich Augusts, ist der eigenwillige Turm vollendet. Die zweigeschossige Lagerhalle unterhalb der Fischergasse vervollständigt 1931 die Arealüberbauung. 1954 stirbt Friedrich August Schädler. Sein Sohn Willi, der bedeutendste Forscher der Ortsgeschichte, führt den Betrieb weiter. 1966 verkauft er die Fabrik der Gemeinde. Die Planung einer neuen Nutzung für die stillgelegten Gebäude beschäftigt in der Folge während Jahrzehnten immer wieder die Arboner Stadtväter: Feuerwehrdepot, Wasser- und Elektrizitätswerk, Zivilschutzanlage, Vergnügungszentrum? - Die unverwirklichten Pläne dürften Schränke füllen. Fortan dienen die leer stehenden Räume provisorisch als Einstellhalle, Magazin, Vereinslokal.Die Abgabe der Schädlerfabrik im Baurecht an den heutigen Eigentümer kann als Glücksfall bezeichnet werden - ein wichtiger Mosaikstein zur Belebung der Arboner Altstadt ist gelegt. Hinter den Arkadenbögen hat sich bereits die «Epa» eingemietet, hoch oben im Turm ein Café.
Hans Geisser, Quellen: Historisches Museum Arbon
Tagblatt Archiv, 19. April 2001
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