Kirche über einem Römerbad
Martinskirche, Galluskapelle - Arbon als älteste Christengemeinde und Grosspfarrei bis Eggersriet. Die Galluskapelle und die Martinskirche in Arbon weisen Raritäten auf.
Als Gallus um im Jahr 610 nach Arbon kam, traf er auf eine intakte Kirchgemeinde, mit Pfarrer, Diakon und einem Kirchlein - auf römischem Fundament innerhalb des Kastells erbaut. Arbon dürfte die älteste christliche Gemeinde am See sein. Die (heidnischen) Alemannenherzöge, die die Römer ablösten, duldeten den christlichen Kult.
Allgäu und Kloster St.Gallen
Der Bodensee war damals nicht Grenze, sondern schuf Verbindung. So wies der Arboner Museumspräsident Hans Geisser auf die vielen Allgäuer hin, die immer wieder St. Gallen besuchen. Im Allgäu besass das Kloster des Heiligen Gallus über lange Zeit Ländereien, die ihm teils geschenkt oder teils von den Äbten erworben wurden. Manche Allgäuer besuchen deshalb Arbon und die Stiftsbibliothek in St. Gallen und schätzen die dort angebotenen Führungen.
Arbon und das Hinterland
Seit der Innenrenovation der Martinskirche von 1986 weiss man, dass sich unter der Kirche die Fundamente eines römischen Bads befinden. Der grössere Raum diente wohl als erster Betraum. Später entstand hier ein karolingisches (um 800), ein romanisches (950 bis 1150), dann ein gotisches Gotteshaus (1490). Von der Reformation, 1532, bis zum Bau der reformierten Berglikirche, 1924, diente die Martinskirche beiden Kirchgemeinden. Benachbarte und weiter entfernte Gemeinden (bis Eggersriet) zählten lange zur Grosspfarrei Arbon. Hans Geisser beschrieb die künstlerische Ausstattung: gotischer Chor, Chorfenster von August Wanner, Altäre, die in beiden Gotteshäusern verehrten Heiligen, die Kirchenlehrer an der Kanzel.
Gräber in den Kirchen
Aus früheren Zeiten fand man in beiden Gotteshäusern Gräber von Obervögten, Adeligen, prominenten Bürgern sowie Bischöfen: um 1080 Bischof Otto Truchsess von Konstanz, 1334 Bischof Rudolf von Montfort (beide Galluskapelle). Nach dem Bildersturm in der Reformationszeit blieb der aus dem Jahr 1380 stammende Christuskörper (Kreuzaltar) erhalten. Er ist einer der ältesten kirchlichen Kunstgegenstände des Thurgaus. Das Kreuz galt lange als wundertätig und war Ziel grosser Wallfahrten aus der Umgebung. Es wurde «Hohes Kreuz» genannt.
Borromäus, Gallus, Barbara
Auf allen alten Ansichten Arbons, seit 500 Jahren, ist die Galluskapelle abgebildet. Ihr Altar stammt aus dem Kloster der Dominikanerinnen in St. Katharinental. Statuen sind Karl Borromäus (Aufenthalt in Arbon) und Gallus (Tod in Arbon). Auch ein Relief der hl. Barbara (1500) ist vorhanden. Sie und der Opferstock sind die ältesten Kunstgegenstände. Zwei Bildtafeln stammen aus der Schlosskapelle Luxburg. Die Fresken wurden 1870/1909 irreparabel beschädigt. Der Zustand der Galluskapelle enttäuschte die meisten Teilnehmenden an der Führung. Die letzte Restaurierung dieses Juwels habe vor 50 Jahren stattgefunden, orientierte Geisser. Sein Anliegen: «Freude und Respekt vor historischer Substanz und künstlerischen Werten wecken.» Aber auch dies: dem Heiligen Gallus (Stadt und Kanton Sankt Gallen tragen seinen Namen) in Arbon wieder einen würdigen Platz verschaffen.
Hedy Züger, Quelle: Tagblatt Archiv, 15. November 2002
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