Auf der Suche nach neuer Nutzung
Die Hamelfabrik - Neues Leben im Industriedenkmal? Seit einigen Jahren steht der markante Backsteinkomplex der ehemaligen Hamelfabrik als ungenutzte Brache beim Saurerwerk II. Das Gebäude weckt Erinnerungen an ein spannendes Kapitel der industriellen Arboner Vergangenheit.
Seit dem Kauf der Firma Hamel durch Saurer und dem Umzug in die Hallen an der Textilstrasse suchen mögliche Bauherrschaften nach neuen Nutzungen der unter Denkmalschutz stehenden Liegenschaft. Zurzeit ist es die Idee eines «Bildungsparks», die weiterverfolgt wird.
Nachdem er 1898 den Grundstein zur weltweit zweitgrössten Stickereifabrik (Feldmühle Rorschach ist die grösste) gelegt hat, erstellt Arnold Baruch Heine 1907 als fünfte und letzte Bauetappe den mächtigen, vierstöckigen Bürotrakt westlich vom Arboner Bahnhof. 2200 Arbeitsplätze, ebenso viele Heimarbeiter als Zulieferer, eine völlig autarke Infrastruktur mit eigenem Kraftwerk, Transportunternehmen, eigener Wasserversorgung und Gleisanlage offenbaren den amerikanisch anmutenden Pioniergeist des risikofreudigen Fabrikanten. Nach wenigen erstaunlich erfolgreichen Jahren des Aufschwungs folgt ebenso jäh der Niedergang.
Schnelles Ende
Stickereikrise, unverkaufte Lager in Millionenhöhe, zu risikoreiche Geschäftsführung sind die Gründe. 1912 erfolgt die Namensänderung in Stickereiwerke AG durch die neuen Eigentümer Schmidheiny, die noch bis 1922 Stickereiprodukte herstellen. In die Hallen 1 bis 4 ziehen in den 20er-Jahren zunächst die Seeriet AG Horn, Bleicherei und Ausrüsterei und später die Novaseta AG (Heberlein Wattwil), Kunstseidenfabrik ein. 1926 stellt die Seeriet, 1931 die Novaseta den Betrieb ein. 1923 gründet Edmund Hamel, Fabrikant in dritter Generation in Chemnitz, die Zwirn- und Stickereiwerke AG Arbon. Ursache dieser Verlegung in die Schweiz sind vor allem die ungeheure Inflation und die damit verbundene Verarmung in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg. Hamels Produkte gelten als Inbegriff erstklassiger Qualität. Nach den Jahren des Aufbaus folgt der Rückschlag während der Krise der 30er-Jahre. Dank eines Grossauftrags für 225 Zwirn- Spinn- und Haspelmaschinen nach England sind trotzdem kaum Entlassungen nötig. Es folgt der 2. Weltkrieg mit seinen Exporterschwernissen.
Fabrik demontiert
Edmund Hamel, der hin und her pendelnd gleichzeitig den Betrieben in Chemnitz und Arbon vorsteht, flüchtet 1945 mit seiner Familie zu Fuss von Chemnitz in die nahe gelegene amerikanische Besatzungszone. Die Russen beschlagnahmen sein zurückgelassenes Hab und Gut, die Fabrikanlagen werden demontiert und nach Russland verfrachtet. Die Fabrik in Arbon wird nach Kriegsende als deutsches Eigentum beschlagnahmt, dem Besitzer wird das Betreten seiner eigenen Räume untersagt. Von der Eidgenössischen Verrechnungsstelle eingesetzte, wenig erfahrene Kader versuchen den Betrieb weiterzuführen. Erst 1954 kann Hamel, der in den Jahren zuvor eine weitere Fabrik und eine Giesserei in Münster/Westfalen gründet, sein eigenes Geschäft in Arbon zurückkaufen.
Leere Versprechungen
Wohl verspricht ihm die Regierung der Bundesrepublik Deutschland die Rückzahlung des Kaufpreises, es bleibt allerdings beim leeren Versprechen. Diese herben Enttäuschungen mögen den Schlusssatz in Edmund Hamels Buch «Erlebtes» verständlich machen: «Politik basiert auf Misstrauen, Wirtschaft lebt vom Vertrauen.» Er findet den Arboner Betrieb «in einem enttäuschend misslichen Zustand» vor und widmet die folgenden Jahrzehnte ausschliesslich seinem Wiederaufbau und der Sicherung der rund 200 Arbeitsplätze. Rastlos bis ins hohe Alter tätig stirbt der Patron 1983. Seine Erben verkaufen das Unternehmen an Willi Hirt. Zusammen mit der bewährten Belegschaft führen es neue, innovative Führungskräfte erfolgreich weiter. Nach dem Kauf durch Saurer 1988 erfolgt der Standortwechsel an die Textilstrasse. Seither ergänzen die Hamelprodukte das Sortiment in der aktiven Saurergruppe. Ob die leer stehenden Fabrikhallen und Büroräume in absehbarer Zeit einer neuen, sinnvollen Nutzung zugeführt werden können?
Firmen- Biographie
Im Laufe des Sommers veröffentlicht das Tagblatt eine Firmen-Biographie über Hamel. Der Verfasser Friedrich Buschmann war leitender Angestellter bei Hamel und konnte nach seiner Pensionierung das Archiv sichten. Die neue Besitzerin der Hamel AG, die Saurer Hamel AG, gab grünes Licht für diese Rückschau, die etliche interessante und bisher unveröffentlichte Abschnitte aus der 75-jährigen Firmengeschichte des Arboner Textilmaschinenherstellers beinhaltet. (ebe)
Hans Geisser, Quellen: Tagblatt Archiv, 18. Juni 2003
Historisches Museum Arbon
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