Blütezeiten und schwere Kapitel
«Aufschwung und Krisen im Spiegel der Geschichte Arbons»
In Arbon kannte man früher schon empfindliche Krisen, die alle nach und nach von einer Zeit der Blüte abgelöst wurden. 30 Arbonerinnen und Arboner interessierten sich für dieses Thema der Geschichte und folgten Präsident Hans Geisser ins Schloss. Das rauere Klima wurde nicht nur über die Ohren aufgenommen, die Gruppe spürte es hautnah: Am Eingang zum Museum, wo der bescheidene Beitrag abgegeben wurde, wars warm, dann aber hiess es: Jacke anziehen, in der Abteilung Industrie wird nicht geheizt. Bei älteren Semestern rief dies die Erinnerung an 1939-45 wach, als Heizmaterial sehr rar war.
Weit gezogene Stadtmauer
Am Modell der mittelalterlichen Stadt Arbon wies Hans Geisser nach, dass wichtige Gründe damals zu einer optimistischen Stadtplanung geführt haben müssen: die Stadtmauer ist weit gezogen, lässt «Bauabsichten» zu. Doch Arbon fiel in der neueren Zeit in wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit zurück, es zählte weniger als 400 Einwohner. Diese lebten von Landwirtschaft, Fischerei, Kleinhandwerk.
30 bis 50 Lohnarbeitsplätze
Den Aufschwung im 18. Jahrhundert verdanken die Arboner ausgerechnet St. Gallen. Dort wurde wegen der strengen Zunftordnung süddeutschen Leinwandkaufleuten die Niederlassung verweigert. In Arbon sind die Familien Albrecht und Furthenbach willkommen. Ihre so genannt billige Schwabenleinwand, die umso preisgünstiger ist, erweist sich als Exportschlager. Weitere Kaufleute ziehen ein: von Eberz, Scheidlin, Fingerlin. Die Arboner Mayr und de Albertis von Rorschach gründen ebenfalls Handelshäuser. Sie richten die ersten Lohnarbeitsplätze ein. Eine Zeit bescheidenen Wohlstands folgt, die Arboner Gerber, Messerschmiede und Kupferstecher nutzen die Blütezeit. Mit Napoleon zieht eine teure Besatzungsarmee ins Land. Es wird kaum mehr Leinwand gebleicht, gefärbt, bedruckt, exportiert. Eine lange Krise folgt.
Erste industrielle Krise
Die Leinwandhäuser sind zum Teil zahlungsunfähig. Die de Albertis verkrachen sich wegen einer Steuergeschichte mit dem Stadtrat und ziehen weg. Allmählich füllen Baumwollwebereien, Färbereien, Druckereien, Weisswarenhersteller, später Sticker die leeren Räume. Mechanische Werkstätten, Textilmaschinen, Webmaschinen folgen. Auf Handstickmaschinen folgen Schifflistickmaschinen. Mit der Gründung des Kantons Thurgau, 1803, folgt in Arbon langsam eine bescheidene wirtschaftliche Erholung. 1815 ist die nächste Krise da. Willkürliche Steuern und Zollschranken hemmen Risikofreude und Unternehmungslust. Pfarrer Thomas Bornhauser entwirft 1830 die neue Kantonsverfassung. Er ist einer jener führenden Thurgauer Köpfe, die am Anfang des neuen Aufschwungs stehen. Masse und Gewichte werden einheitlich, Inlandzölle abgeschafft. Arbon zählt 1840 nebst der Seidenbandweberei Stoffel im Schloss vier Färbereien, drei Stoffdruckereien und vier Gerbereien.
Aufschwung dank Saurer
1862 beginnt die Wirtschaftsgeschichte der drei Generationen Saurer. Bald werden 500 Arbeiter entlöhnt. Geisser sprach von einer explosiven Entwicklung: «Stickereihausse, stürmisches Wachstum, rege Bautätigkeit folgten, unterbrochen durch wirtschaftliche Schwankungen in kurzen Abständen.» Arboner Krawalle und Streiks sorgen 1902 landesweit für Schlagzeilen. Die Stickerei steckt in einer Krise. Bei Heine stapeln sich unverkaufte Lagerbestände für über 7 Millionen Franken. Die erste Arbeitslosenwelle ist die Folge. 1908 dann der «Arboner Krieg» bei Heine, ein Markstein für die junge Gewerkschaftsbewegung im Land. Nach sechs Monaten Streik folgt die Aussperrung der Arbeiterinnen und Arbeiter durch Firmengründer Arnold Baruch.
Heine aus Amerika
Während der Hungersnot 993 stand das Städtchen Arbon, dem es gerade gut ging, den St.Gallern bei. Katastrophal wirkten sich wiederholt Epidemien und Missernten aus. 1611 starben an der Pest 34 000 Menschen, die Hälfte der Thurgauer Bevölkerung. Die Arboner Pfarrbücher vermerkten noch 1817, dass im Städtchen eine Anzahl Leute an Hunger starben. Als 1908 die Heine-Belegschaft ein halbes Jahr lang streikte, wurden europaweit für sie Geld und Lebensmittel gesammelt. Für den lokalen Bedarf, berichtete Hans Geisser, gab es in Arbon einen Rebberg, der vom Roten Haus bis zur Neusätz reichte, das Gebiet der Rebenstrasse. Was erstaunt: Der Arboner Wein war besonders beliebt bei St. Galler und Konstanzer Herrschaften. Geisser: «Wein war vermutlich nebst dem Flachsanbau für die Leinwandherstellung einziges Handelsprodukt von regionaler Bedeutung.» Ernste Sorgen bereitete im Ersten Weltkrieg die Lebensmittelversorgung. Die Gemeinden organisierten Grundnahrungsmittel und Brennstoffe für Bedürftige. Während der hoch ansteckenden Grippewelle 1918/19, der auch viele Soldaten zum Opfer fielen, wurde das neue Rebenschulhaus zum Grippe-Krankenhaus umfunktioniert, wie Hans Geisser in Erinnerung rief. 1920-23 zählte Arbon bis zu 600 Arbeitslose. Notstandsarbeiten der Gemeinde waren ein bescheidener Erwerbsersatz. Nach dem Krieg folgte rasch der Aufschwung. Um 1960 erliess der Bund sogar Konjunkturdämpfungsmassnahmen. Saurer zählte 4500 Beschäftigte. 1967 schloss die Kugellagerfabrik. 1982 wurde das Ende des Lastwagenbaus bei Saurer angekündigt. Einige Jahre später stellte man die Webmaschinenproduktion ein. (hz)
Hedy Züger, Quelle Tagblatt Archiv, 15. Februar 2003
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