Geschichten aus Arbon
Unsittliche Nymphen

August Bösch schuf Skulpturen für den Arboner Hafen - und den Broderbrunnen in St.Gallen. Die aus Bronze gegossene Skulpturengruppe an der Arboner Hafenmole hat eine sehr wechselvolle Geschichte: Sie störte in den 40er-Jahren das sittliche Empfinden der Obrigkeit.
Sanft umspült von einem zierlichen Wasserspiel und kaum versteckt hinter lichtem Schilfgewächs lenkt die bald hundertjährige Bronzegruppe auf der Rondelle der alten Arboner Hafenmole die Blicke vieler Spaziergänger und Touristen auf sich. Die beiden lockenden Nymphen und die um sie werbende, wie aus dem Wasser auftauchende junge Männergestalt sind ein vertrauter Anblick.
Broderbrunnen
Das Werk des Künstlers August Bösch aus Ebnat im Toggenburg (1857-1911) hat eine bewegte Geschichte, wurde es doch im Lauf der Zeit an gar verschiedenen Standorten aufgebaut und wieder entfernt. Derselbe Künstler hat 1898 den mächtigen Broderbrunnen in St. Gallen geschaffen, ein Erinnerungswerk an das im gleichen Jahr in Betrieb genommene städtische Seewasserwerk Riedtli-Goldach. Ein St. Galler Kunsthandwerker hat die zahlreichen verspielten Figuren kürzlich neu gegossen, die vor allem von den Autoabgasen arg beschädigten Originale haben im Hof des Historischen Museums St.Gallen eine geschützte Bleibe gefunden.
Skulptur zum Leuchtturm
1892: Seit gut zwanzig Jahren fertigt Saurer mit wachsendem Erfolg Stickmaschinen für Fabriken und Heimsticker. Erste Krisensignale aus der von der Modebranche abhängigen Stickerei in den 80er- Jahren verringern den Auftragseingang. Adolph Saurer sieht sich nach einem weiteren Standbein um und kauft die Arboner Petrolmotorenfabrik des mit ihm verwandten Carl von Lüde. Zunächst werden Motoren als stationäre Energiezentralen für die Industrie hergestellt, und bald findet der clevere Unternehmer weitere Verwendungszwecke. Der Einbau von Petrolmotoren in Lastsegelschiffe und Vergnügungsboote entwickelt sich nach 1900 für einige Zeit zum erfolgreichen Betriebszweig. Um die Schiffe direkt in die Schiffswerkstätte einfahren zu können, lässt Adolph Saurer 1903 in Arbon eine Hafenanlage beim Betriebsgelände bauen. Sein Sohn Hippolyt ergänzt den Hafen 1907 mit einem Leuchtturm. Als Basis für die mächtige Leuchterstange soll ein Kunstwerk dienen. Den Auftrag erhält August Bösch, der die Nymphengruppe für 36 000 Franken liefert.
Ins Gaswerk und ...
Einige Jahre nach Hippolyts Hinschied im Jahre 1936 schenkt seine Gattin Sina Saurer-Hegner die Plastik der Ortsgemeinde. 1940 erhält sie den heutigen Standort auf der Hafenmole, damals noch ohne Wasserspiel. Ein Jahr später wird sie wieder entfernt und im Gaswerk an der Schöntalstrasse eingemottet. Laut «Oberthurgauer» ist das gestörte Sittlichkeitsempfinden (der nackten Nymphen wegen) Grund dieses Schildbürgerstreichs. Das prächtige Kunstwerk gerät vorübergehend in Vergessenheit. 1954 erweist sich die Wiese zwischen den Hotels Baer und Steiert, die von der Stadt erworben wurde, als idealer Platz. Die Nymphengruppe steht nun, umrankt von Wasserpflanzen, wie eine Insel in einem grossflächigen Bassin. Ein kleiner Springbrunnen plätschert erstmals über die Figuren.
... wieder ins Gaswerk
Vor der Eröffnung des Hotels Metropol und des Einkaufszentrums (1964) muss die ehemalige Zirkuswiese einem Parkplatz weichen. Erneut wird Böschs Kunstwerk im Gaswerk deponiert. 1966 kehrt es endlich wieder an den jetzigen Standort, zur Hafenmole zurück - hoffentlich definitiv.
Hans Geisser
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