Weit abseits von Kanzel und Altar
Kulturgeschichte Arbons - in Verknüpfung mit Konstanz und St.Gallen
Mehr als man annehmen möchte, haben geschichtliche Ereignisse in der Bodenseeregion und in unserem Land durchaus kirchenpolitische Hintergründe, meinte Arbons Museumspräsident Hans Geisser in seinem Herbstvortrag vor grosser Zuhörerschaft: Die christliche, keltisch-romanische Gemeinschaft im römischen Kastell Arbon war eine der ersten am Bodensee. Als Einzige blieb diese christliche Gemeinde auch weiter bestehen.
Konstanz zugehörig
Die Alemannen, die nach dem Rückzug der Römer die Gegend friedlich zu erobern verstanden, waren keine kriegerischen Haudegen, wie ihnen nachgesagt wird. Sie führten ein humanes Rechtswesen und eine hoch stehende Landwirtschaft ein: Die alemannische Dreifelderwirtschaft wird heute als bodenschonende Form der Bewirtschaftung anerkannt.Bereits um das Jahr 600 erfolgte die Gründung von Kloster und Bischofssitz Konstanz. Arbon war damals bedeutender, grösser, doch lag Konstanz zentraler und näher beim Hof der Alemannenherzöge im Hegau, wie Geisser ausführte.Arbon wurde um 700 konstanzisches Eigentum, später kamen das Egni, Horn und Bischofszell dazu. Geisser: «Die Stadt blieb mehr als tausend Jahre im bischöflichen Besitz. Diese Tatsache war in späteren Jahrhunderten oft Ursache politischer Differenzen mit den eidgenössischen Orten.»
St.Gallens Wurzeln
Geisser berichtete im Weitern von Irland, das weder Völkerwanderung noch Christenverfolgung erlebte und eine blühende christliche Kultur entwickelte. Die irischen Glaubensboten fanden in Arbon eine christliche Gemeinde vor. Gallus war oft im Pfarrhaus, er starb im hohen Alter in Arbon. Geisser: «Den St. Gallern kann man schon sagen, dass sie ohne die kompetenten Spitex-Dienste vor 1400 Jahren weder Stiftsbibliothek noch Kathedrale hätten.» Otmar, erster Abt des Klosters St. Gallen, stammte aus der Gross-pfarrei Arbon. Berufen hatte ihn Waltram, vom Frankenkönig eingesetzter Kastellkommandant.
Grenze seit 9. Jahrhundert
Auf der Burg Arbon vertraten Ministerialen, später Obervögte die Interessen des Konstanzer Bischofs. Während einigen Generationen regierte eine Familie, die sich die Herren von Arbon nannte. Hermann von Arbon wurde sogar Bischof von Konstanz (1138 bis 1165). Er nahm an Kriegszügen von Staufferkaiser Friedrich I. Barbarossa teil, auch ins Heilige Land. Immer wieder kam es zwischen Konstanz und St. Gallen zu Spannungen. Ein gemeinsamer Grenzgang legte 854 die Grenzmarken fest. 854 gilt als Gründungsjahr von Roggwil. Jene Vereinbarung hält als Kantonsgrenze zwischen Thurgau und St. Gallen im Wesentlichen bis zum heutigen Tag.
Lebensmittel für die St.Galler
Um 1250 entstand in Arbon als strategisches Bauwerk die Stadtbefestigung mit Mauer, Toren und Stadtgraben. Die erneuerte Öffnung des Bodenseefleckens (Stadt- und Marktrechte) ist im Original erhalten. Der Besuch des letzten Karolingerkönigs Konrad, 911, und die bischöfliche Lebensmittelhilfe nach St. Gallen, das 993 eine Hungersnot erlebte, weisen ebenfalls auf die wirtschaftliche Grösse Arbons hin. Um diese Zeit wurde der Schlossturm erbaut, wahrscheinlich als Wohnung für den jungen designierten Kaiser Konradin. Der eigentliche Schlossbau um 1515 geht auf Bischof Hugo von Hohenlandenberg zurück.
Loslösung vom alten Glauben
Die Kirche St. Martin wurde von 1532 bis 1924 paritätisch genutzt. (Adolph Saurer erleichterte die Ablösung grosszügig und geschickt.) Die Loslösung vom alten Glauben war schmerzlich - auch Arbon hatte seinen Bildersturm. Vadian versuchte in Arbon zu schlichten. 1528 waren 180 Haushalte reformiert, 15 katholisch. Der Friedhof wurde aufgeteilt, 1682 beim heutigen Gasthof Frohsinn ein neuer gebaut (Pest; Missernten). -Minnesänger Manfred Hargens trug zum Vortrag Geissers mittelalterliche Lieder vor:Eines wird Konradin zugeschrieben.
Hedy Züger, Quelle: Tagblatt Archiv, 8. November 2001
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