Gallus kämpft mit dem Teufel
Eher Auswitterungen als Fussspuren: Der Gallusstein in Arbon. Sind es Fussspuren des heiligen Gallus, des Namenspatrons der Stadt St.Gallen und des gleichnamigen Kantons? Wohl kaum. Interessant ist der eingemauerte Stein mit seinen Vertiefungen am Eingang der Arboner Kapelle dennoch.

Der mausgraue Felsstein, der links vom Eingang in die Arboner Galluskapelle in einer Nische eingemauert ist, wirkt nicht gerade spektakulär. Trotzdem ist er auf seine Weise spannender als mancher kostbare Kirchenschatz. Auf seiner flachen Stirnseite sieht man nämlich zwei Vertiefungen, die wie der Abdruck von zwei Menschenfüssen aussehen.
Christus und Mohammed
Geologen haben klare Anhaltspunkte, dass es sich um ganz natürliche Auswitterungen handelt. Die Volksüberlieferung sieht es anders: Für sie handelt es sich um die Fussspuren des heiligen Gallus, als er mit dem Leibhaftigen kämpfte. Eine «fromme Legende»? Der Ausdruck wird diesem merkwürdigen Stein nicht wirklich gerecht. Nur schon deshalb, weil sich Gallus - und mit ihm Arbon - damit in einer sehr illustren Gesellschaft befindet. Die Deutung solcher Vertiefungen als Fuss-, Knie-, Arm- oder Handspur ist nämlich uralt, und sie werden nicht nur mit Heiligen, sondern auch mit Göttern, Helden, Dämonen und Fabelwesen in Verbindung gebracht. Weltberühmt sind die angeblichen Fussspuren von Christus auf dem Ölberg und von Mohammed im Felsendom in Jerusalem. Vergleichbares in Reichweite von Arbon sind der Fridolinstein im vorarlbergischen Rankweil (Knie und Arme des hl. Fridolin) und der Meinradstein im zugerischen Allenwinden (Knie des hl. Meinrad). Oft wurde die fussähnliche Vertiefung in einem Stein auch mit dem Teufel in Verbindung gebracht, der von einem gewitzten Menschen betrogen worden sei und deshalb vor Wut herumgetobt habe. Ein bekanntes Beispiel ist der «Teufelstritt» in der Liebfrauenkirche in München. Gerade im christlichen Bereich waren diese Spuren nicht einfach naive «Beweise» oder «Vergegenwärtigungen». Die Körperspuren von Heiligen wurden vielfach als heilend betrachtet: Wer etwa einen kranken Fuss in den Fussabdruck eines Heiligen stellte, wurde - so die Vorstellung - wieder gesund.
Vorchristlicher Kultstein?
Die Fussspuren Christi etwa waren ein stimmiges Symbol für das Wichtigste im Leben eines Christen überhaupt: Christus nachzufolgen. Solche Vorstellungen sind uralt, lassen sich auch in vorchristlichen Kulturen antreffen. Wie weit das alles beim Gallusstein hineingespielt hat, weiss man nicht - seine Herkunft liegt im Dunkeln. Da Arbon bereits in der Jungsteinzeit besiedelt war, könnte es sein, dass die Geschichte weit zurückreicht. Das meint zumindest der Berner Ethnologe Kurt Derungs. Er hält es für denkbar, dass der heutige Gallusstein an Vorchristliches anknüpft, an einen Kultstein, der mit Gallus und seiner Missionstätigkeit in Berührung kam.
Hans Geisser. Quelle: Tagblatt Archiv, 6. Januar 2003
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