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Stadt Arbon

Einen Gehängten gerächt

Kriminalfall und das Arboner «Kappeli» - verknüpfte Geschichte Arbon. In der Umgebung zahlreicher restaurierter historischer Bauten fristet die St. Johannes-kapelle ein Schattendasein. Umso verdienstvoller sind Bestrebungen, das «Kappeli» mit seinen wertvollen Fresken zu neuem Leben zu erwecken.

Laboruntersuchungen geben heute exakte Auskunft über das Fälldatum verwendeter Bauhölzer. Beim «Kappeli» sind dies die Jahre 1389/90 und 1494/95, und diese beiden Daten gelten als Baujahr für den westlichen Teil und für einen Erweiterungsbau auf der Ostseite.

Der Stadtbrand von 1390

Seit dem frühen Mittelalter steht die St. Martinskirche als mittlerweile viertes Gotteshaus auf dem gleichen Grundstück in unmittelbarer Nähe des Schlosses, direkt auf den Überresten einer römischen Badeanlage. Nach dem Bau der Stadtbefestigung um 1250 liegt die Kirche ausserhalb der schützenden Mauer. Ein verheerender Stadtbrand zerstört 1390 ganze Quartiere der nördlichen Altstadt. Gleichzeitig mit dem Wiederaufbau der Holzhäuser erfolgt der Bau der St. Johanneskapelle - und die Arboner können in unruhigen Zeiten nun auch im sicheren Stadtkern ihren Gottesdienst feiern. Die Resten des Ratsprotokolls der Bürgergemeinde geben Einsicht in Zusammenhänge.

«Über die Massen beschädigt»

Ein Schreiben des Bischofs von Konstanz, Eigentümer der Stadt Arbon, hält fest: «1390 März 1. Konstanz, Feuersbrunst zu Arbon. Bischof Burkhardt urkundet, dass er, nachdem die Stadt Arbon jetz und leider mit Feuersbrunst schwer und über die Massen beschädigt ist, seinen lieben Getreuen, Ammann, Rat und Burgerschaft die ihm und seinem Gottshause mit mannigfaltigen Treuen und Diensten bisher beigeständig gewesen, alle Briefe, Freiheiten, Gnaden und Rechte, die sie von seinen Vorfahren, den Bischöfen von Konstanz erhalten haben, bestätige, also dass sie fortan dabei bleiben sollen.»
« . . . zu rächen für den Schimpf»
1494 legt ein weiterer Grossbrand die Häuser zwischen Hauptstrasse und Seeufer in Schutt und Asche. Ein Chronist berichtet über Ursache und Folgen der Katastrophe: «Im Jahre 1494 ward Arbon von einem schweren Brandunglücke heimgesucht. Der Rat hatte etliche Jahre früher einen Dieb, namens Lantz, hängen lassen; die drei Söhne des Gehängten, Andreas, Jörg und Philip waren dann in den Spital aufgenommen und auf Kosten der Stadt erzogen worden; allein sich zu rächen für den Schimpf, der ihrem Vater angethan worden war, steckten sie die Stadt in Brand. Schnell griff das Feuer um sich und ungeachtet aller Anstrengungen der herbeigeeilten Hülfsmannschaften, die von Buchhorn (=Friedrichshafen) jenseits des Sees waren die ersten (!), brannte fast die ganze untere Stadt ab. Zur Unterstützung der Abgebrannten langten folgenden Tages schon ganze Wagenladungen von Lebensmittel von St. Gallen her an.»

«Zu Bulver verbrennt»

«Einer der Brandstifter, Andreas Lantz», berichtet der Chronist weiter, «ward bald hernach in Zürich festgenommen und, wie ein Brief an den Rath von Arbon besagt, nach des Richs Recht an eine Stud gebunden, auch an der Stud ein Galgen gemacht und also an der Stud und am Galgen zu Bulver verbrennt.» Im Ratsprotokoll sind Datum und Auswirkungen der Feuersbrunst, Brandstiftung und die Korrespondenz mit der Zürcher Polizei festgehalten.

Gemüse- und Schmalzkeller

1424 taucht das «Kappeli» erstmals in Akten auf. 1497 ist Altarweihe mit dem Konstanzer Weihbischof Daniel. Als Kirchenpatrone sind «Johannes der Täufer und der Evangelist». Während der Gegenreformation (1555 bis 1648) dürfen die Evangelischen nur das «Kappeli» benützen. Trotz paritätischer Kirchgemeinde bleibt ihnen der Zugang zur St. Martinskirche verwehrt. Dabei sind in Arbon um 1530 von 195 Familien nur 15 katholisch. Seit 1777 profaniert, wird das Kirchlein ein letztes Mal während des Kirchenbaus 1786-89 von den Evangelischen benützt; den Katholiken dient während dieser Zeit der Landenbergsaal als Ersatz. Seither muss die St. Johanneskapelle verschiedenste Nutzungen über sich ergehen lassen: Magazin des Stadtbaumeisters, Gemüse-/Schmalzkeller, Büro des Waagmeisters und Nachtwächters, seit 1798 Feuerwehrdepot, bis vor wenigen Jahren Lokal zum Kerzenziehen, bis heute Flohmarkt.

Wertvolle Wandmalereien

Zum Schutz wurden vor einigen Jahren wenigstens Teile der als sehr wertvoll eingestuften Wandmalereien abgedeckt. Und ein Mitbürger pflegt die uralten Uhren auf den beiden Stirnseiten (Laufwerk mit originaler Achse, die sich durch die ganze Länge des Dachstocks zieht). Schlimmster Eingriff war 1938 das Ausbrechen der Arkaden zur Verbreiterung der Hauptstrasse. Der evangelische Pfarrer Andreas Gantenbein mahnt 1962 in seiner Abschiedspredigt: « . . . überlasst die Kapelle nicht den Fledermäusen und Spekulanten.»

Hans Geisser, Quellen: Historisches Museum Schloss Arbon
Tagblatt Archiv, 6. Februar 2004

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