Aktivdienst
Im September 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus. Zweimal befiehlt der Bundesrat Generalmobilmachung. Die Soldaten sind bis zu 1000 und mehr Tagen im Aktivdienst. Eine schwere Last tragen vor allem die Frauen. In der Landwirtschaft, im Gewerbe, in Büros und Fabriken müssen sie weitgehend die Plätze der Männer einnehmen. Als Grenzstadt zur Krieg führenden deutschen Nachbarschaft erleben wir Arboner die Kriegsjahre besonders intensiv. Eine Grenzschutzkompanie steht bei uns im Aktivdienst.Die Luftschutztruppe, mit dem heutigen Zivilschutz vergleichbar, zählt 200 Männer und Frauen. 100 bewaffnete Freiwillige leisten ohne Sold Bewachungsdienste. Während fast fünf Jahren gilt strengste Verdunkelung. Vor allem in der zweiten Kriegshälfte werden Fliegeralarme Tag und Nacht immer zahlreicher und bedrückender. Bei den Bombenangriffen auf Friedrichshafen und seine Umgebung bieten sich vom Ufer aus schreckliche Bilder der Verwüstung.
Gerechte Verteilung
Wirtschaftlich sind die Kriegsjahre, abgesehen von der Nahrungsmittelknappheit und dem Mangel an allen Rohstoffen, keine schlechte Zeit in Arbon. Auch das Baugewerbe ist ausgelastet. Die Gemeinde verkauft billiges Bauland an private Baugenossenschaften. Neue Wohnquartiere entstehen. 1941 zieht die Verwaltung ins neue Stadthaus. Dank einem Zufallsmehr von 11 Stimmen gelangt 1945 die Schlossliegenschaft nach einem scharfen Abstimmungskampf in Gemeindebesitz. Der Bundesrat hat aus den schlimmen Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg seine Lehren gezogen und trifft frühzeitig Massnahmen für die Nachkriegszeit: Die Lebensmittelrationierung, zum Teil bis 1948 in Kraft, sorgt für einigermassen gerechte Verteilung. Der Bundesrat wählt mit Direktor Otto Zipfel, den die Firma Saurer freistellt, einen Delegierten für Arbeitsbeschaffung. Während Jahrzehnten haben wir nun Vollbeschäftigung. Der Bauboom der 50er- und 60er-Jahre setzt ein. Die Gemeinde bekommt hohe Steuereingänge. In mehreren Bauetappen entsteht die neue Seeuferetappe rund um die Altstadt mit Schlosshafen, Schwimmbad, später dem Seeparksaal, Schul- und Sportanlagen. Von der Aachmündung bis zur Gemeindegrenze seeabwärts ist praktisch jeder Meter Seeanstoss öffentlich zugänglich, eine einmalige Situation rund um den See. 1957 erfolgt der Wechsel von der sozialdemokratischen zur bürgerlichen Ratsmehrheit mit bürgerlichen Gemeindeammännern. Mit Arboner Federführung werden regionale Gemeindeverbände für Abwasserreinigung und Kehrichtverbrennung gegründet. Die beiden Grossverteiler bauen 1964 ihre Zentrumsgeschäfte im Neuquartier. Saurer ist 1965 mit 4500 Beschäftigten auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. Mit den erstmals massiven Zollerleichterungen für Importe treten vor allem bei den Lastautos erste Probleme auf. Die Zeit, wo man auf Schweizer Strassen ausschliesslich Saurer-Wagen sieht, ist endgültig vorbei. Die Schliesssung der Kugellagerfabrik durch den deutschen Kugel-Fische-Konzern 1967 als Eigentümer ist ein erster Schrecken inmitten der Hochkonjunktur. 1974 ist das Jahr der so genannten Erdölkrise. Die Ölförderländer drosseln die Rohölförderung. Die Preise für diesen wichtigsten Energierohstoff schnellen um das Mehrfache empor. Die Folgen sind extreme Teuerungsraten, Auftragseinbrüche im Baugewerbe, Personalentlassungen in Industrie und Gewerbe. In Arbon spürt man wenig davon. Warum? Viele Gastarbeiter kehren in ihre Heimatländer zurück. Die AFG Arbonia-Forster-Gruppe ist in solidem und kontinuierlichem Aufbau begriffen. 1973 übernimmt Jakob Züllig die Hermann Forster AG. Bereits seit 1957 ist er Eigentümer der Arbonia Heizkörperfabrik. Viele Mitbürger finden hier neue Arbeitsplätze. In der engeren Region schaffen Bruderer, Hügli, Bioforce, Hartchrom und andere Unternehmen neue Stellen. Der Nachholbedarf bewirkt einen neuen Konjunkturschub in allen Branchen.
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